Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Wer sind wir und wo wollen wir hin?

„Es war sehr intensiv, sehr harte Arbeit, aber auch sehr schön.“

Timbos kleine Taktikschule Heute: Goal Impact

"Fußball in Trümmern": Hinter den Kulissen einer Ausstellung

Neues von den Alten



„Fußball in Trümmern“: Hinter den Kulissen einer Ausstellung

Hallo, liebe Übersteiger-Leser*innen – wenn diese Ausgabe erscheint, neigt sich unsere Ausstellung „Fußball in Trümmern. FC St. Pauli im ‚Dritten Reich’“ dem Ende zu. Wir „Museums-Hoschis“ von 1910 – Museum für den FC St. Pauli e.V. hoffen natürlich, dass viele von euch da waren (oder in letzter Minute noch kommen – Öffnungszeiten am Heimspieltag siehe www.fcstpauli-drittes-reich.de). Und nutzen die Gelegenheit zu einem kleinen Rückblick samt „Blick hinter die Kulissen“.

Zeitsprung zurück: Wer beim „Pre-Opening“ für Mitglieder von 1910 – Museum für den FC St. Pauli e.V. am 2. November dabei war (samt hochinteressantem Vortrag von Ronny Blaschke, dessen Forderung nach mehr aktiver Gesellschaftspolitik im Fußball auf großes Interesse stieß), der oder die wird eine Woche später bei der internen und dann auch der öffentlichen Vernissage sein oder ihr braun-weißes Wunder erlebt haben.

Was hat sich da nicht alles getan: Stellwände streichen, Hunderte von Bildern und Tafeln aufhängen (immer schön mit Laser, damit das Bild nicht loriotmäßig schief hängt!), Videos und Slideshows samt Beamer installieren, Vitrinen bestücken, Bauschutt drapieren, Archivstücke aus der braun-weißen „Schatzkammer“ holen, natürlich nicht die Tresenbesetzung an der Weinbar vergessen, Fläche aufräumen, fegen und zwischendurch noch Presse und Fernsehen „bespaßen“: Team 1910 e.V., verstärkt durch Mitglieder von USP, Supportblock Gegengerade und die Profis von bontempo production + performance hatte gut zu tun. Ein riesengroßes Dankeschön an alle Helfer*innen!

Auch Gregor Backes gebührt ein großer Dank: Ohne seine akribische Forschungsarbeit zum FC St. Pauli im „Dritten Reich“ wäre diese Ausstellung nicht möglich gewesen. Wir legen die Neuauflage seines Buches „Mit deutschem Sportgruß. Der FC St. Pauli im Nationalsozialismus“ auch jenen sehr ans Herz, die unsere Ausstellung schon gesehen haben! Denn natürlich können wir nicht alle Details des Buches umsetzen – das kann auch nicht das Ziel einer Ausstellung sein.

Wichtig dagegen war uns (hier muss ich vielleicht kurz einschieben, dass der Schreiber dieser Zeilen zugleich Kurator und Texter der Ausstellung ist), den Raum zu nutzen, um Verknüpfungen und Kontraste nicht nur herzustellen, sondern spürbar zu machen. Ein Beispiel: Das älteste erhaltene FCSP-Trikot von 1939, das mit dem Wehrmachtsaufmarsch in der Tschechoslowakei und Fußballbildern der 30er- und 40er-Jahre räumlich erlebbar im Raum steht, stellt auch ohne Worte, auf intuitiver Ebene einen Zusammenhang her. Das ist in der sequentiellen Darstellung eines Texts so nicht ohne weiteres möglich. (Umgekehrt können Bücher eben mehr in die inhaltliche Tiefe gehen, es ist also nicht das eine oder andere Medium „besser“.)

Ein weiteres Beispiel erwähnen die lieben Autor*innen des „Magischer FC Blog“, über deren Rezension wir uns sehr gefreut haben: Unter Verweis auf die großen „Jahrestafeln“ an den Außenwänden der Ausstellung heißt es dort: „Es ist die ganz große Stärke der Ausstellung, die belanglose Alltäglichkeit des Hamburger Fußballs in schockierender Weise mit den Ereignissen auf europäischer oder globaler Ebene in Verbindung zu setzen. ... Dringende Besuchsempfehlung!“

Tatsächlich war das ein wichtiges Ziel: Während der Kern des Hauptteils sich auch räumlich in der Mitte des Ausstellungssaales befindet – es sind die Lebenswege von acht St. Paulianern – wird dieser Kern umschlossen von den Ereignissen, die diese Leben geprägt, berührt, zum Teil sogar dramatisch verändert haben. Wer also zwischen Innensicht (Personen) und Außensicht (Welt) wechselt, wird immer neue Verknüpfungen herstellen können. Wir freuen uns, dass diese Idee von den Ausstellungsbesucher*innen positiv aufgenommen wurde!

An dieser Stelle noch eine wichtige Anmerkung zu den acht St. Paulianern im Mittelpunkt unserer Ausstellung: Es sind leider wirklich nur Männer, und dass das eine wesentliche Einengung der Erzählperspektive darstellt, ist uns schmerzlich bewusst. Der Grund liegt im Quellenmaterial: Um die Lebenswege hinreichend detailliert beschreiben zu können, braucht es schon eine Menge Daten und Informationen. Die aber hatten wir – über die Arbeit von Gregor Backes sowie die Recherchen von Michael Pahl für den 1933-45-Teil von „FC St. Pauli. Das Buch“ – leider nur für die hier gezeigten männlichen Mitglieder des FC St. Pauli.

Sehr gern hätten wir auch das Schicksal einer Damen-Handballerin (diese Abteilung gab es damals schon) oder auch z.B. einer Aktiven der Gymnastik- oder Leichtathletik-Abteilung gezeigt – es gab zwar nicht sehr viele weibliche Mitglieder damals, aber es gab sie! Doch mangels Quellenmaterial und ohne die Möglichkeit, nochmal richtig tief in die Forschung einzusteigen, mussten wir mit der Beschränkung auf die Männer leben.

An anderen Stellen konnten wir den erzählerischen Rahmen bewusst erweitern und sind bewusst über die Zeit von 1933-45 hinausgegangen. Etwa, indem wir auch die Vorgeschichte des FC St. Pauli erzählen und so mit dem oft verbreiteten Mythos vom „Arbeiterverein“ aufräumen: Klar, es gab auch viele Arbeiter unter den Mitgliedern. Aber der FC St. Pauli kommt nicht aus der Arbeitersportbewegung, sondern aus der „frisch, fromm, fröhlich, freien“ (und politisch oft nationalistisch ausgerichteten) Turnerschaft. Das zeigen wir mit bis zu 120 Jahre alten Exponaten.

Auch hat es manche Besucher*innen zunächst erstaunt, dass die Ausstellung nicht 1933 beginnt, sondern beinahe im „Jetzt“ – also mit dem FC St. Pauli mit „klarer Kante gegen Rechts“, wie wir ihn heute kennen. Es war uns wichtig, gleich zu Beginn der Ausstellung zu zeigen: Das ist keine Selbstverständlichkeit – sondern eine Entwicklung, die von vielen engagierten St. Paulianer*innen ermöglicht wurde. Und es ist eine Entwicklung, auf der wir uns nicht ausruhen dürfen.

„’FC St. Pauli gegen Rechts’: Das ist keine Selbstverständlichkeit“, heißt es in der Eröffnungstafel der Ausstellung: „Sondern ein Prozess, an dem alle beteiligt sind, die der ‚Magische FC’ interessiert. Schweigen oder Mundaufmachen, Handeln oder Ignorieren? Wenn es gilt, Position zu beziehen, hat jeder und jede die Wahl. Im Kleinen und im Großen; im Verein, in der Gesellschaft, in der Politik. Wer diese Wahl nicht nutzt, riskiert, dass es eines Tages keine Wahl mehr gibt.“

Was erkämpft wurde, kann auch wieder verloren werden – im Verein wie auch in Gesellschaft und Politik. Welche dramatischen Folgen der Verlust an Grundrechten und Freiheit sowie staatlich organisierte Diskriminierung, Verfolgung und Mord haben, daran erinnert dann ja der Hauptteil unserer Ausstellung. Wenn es uns – zusätzlich zur Information über das Thema selbst – gelingt, den oder die eine/n oder andere/n zu mehr Engagement zu ermutigen, dann haben wir sehr viel gewonnen.

Hoffnung macht uns hier auch der Erfolg unserer Workshops für Schulklassen und Jugendgruppen: Nach kurzer Zeit waren sie praktisch ausgebucht, weit über 20 Gruppen waren da. Und die – das konnte der Schreiber dieser Zeilen mit eigenen Augen sehen – waren sogar schon vor der offiziellen Eröffnung mit großem Engagement dabei. Gruppenarbeit, Recherche in der Ausstellung, zwischendurch ein Blick ins Stadion mit den deutlich sichtbaren Zeichen des antifaschistischen Fan-Engagements darin: Die Kids waren mit großem Engagement dabei. Hut ab also auch für unser pädagogisches Team um Juliane Deppe und Fabian Fritz für das tolle Lernkonzept! Hut ab aber auch an alle, die das Millerntor zu dem gemacht haben, was es heute ist, und die es weiter prägen – ein Stadion, das auch als Ausstellungs- und Lernort fasziniert und längst nicht mehr nur an Heimspieltagen erfüllt ist mit Leben, Debatten und Engagement.

// Christoph, 1910 e.V.

P.S. Ein ganz großes Dankeschön auch unseren Aufsichten, die es durch ihren großen Einsatz möglich gemacht haben, diese Ausstellung einen ganzen Monat lang Tag für Tag offen zu halten! Ihr seid toll! Wer Lust hat, sich bei zukünftigen Ausstellungen zu engagieren (ob als Aufsicht, hinterm Weinbar-Tresen oder im Archiv): Wir suchen immer neue Helfer*innen, und schon ein paar Stunden im Monat können viel bedeuten! Meldet euch einfach bei unserer Ehrenamtlichen-Koordinatorin Andrea.Plagemann (et) 1910-Museum (punkt) de, wenn ihr Zeit und Lust habt.

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