Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Du kannst schon pfeifen, aber dann biste halt kacke!

Interview mit Uwe Stöver

Interview mit Andreas Rettig

Energie Cottbus: Alles Nazis – oder doch nicht?

Neues von den Alten




Das liebe Geld und „außergewöhliche Unterstützung“

Wir sprachen mit FC St. Pauli-Geschäftsführer Andreas Rettig über die bald fällige Fananleihe, Eigenver-marktung und neue Geldgeber

Für den Umbau des Stadions und des Trainingsgeländes besorgte sich der FC St. Pauli in der Saison 2011/12 über die FC St. Pauli Anleihe in zwei Chargen acht Millionen Euro. Andreas Rettig grinsend: „Und dieses Geld wurde auch zweckgebunden ausgegeben.“ Die festverzinslichen (6% p.A.) Inhaber-Schuldverschreibungen, die von der Millerntor-Stadion-Betriebs GmbH & Co. KG ausgegeben wurden und schnell vergriffen waren, laufen zum Saisonende am 30. Juni aus. Ab 1. Juli 2018 haben die Zeichner Anspruch auf Rückzahlung. Jetzt könnte man still und leise den Termin verstreichen lassen, weil erfahrungsgemäß ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Zeichner und Zeichnerinnen das geliehene Geld gar nicht wiederhaben möchten. „Das war für uns nie eine Option. Wir wollen transparent und offensiv mit dem Thema um- und nicht still darüber hinweggehen“, sagt der FC-Geschäftsführer in seinem Büro wenige Tage vor der Niederlage gegen Union Berlin und dem gleichzeitigen Sieg Heidenheims, die die sportlichen Sorgen deutlich verschärft haben und selbstverständlich auch den umtriebigen Geschäftsführer beschäftigen. „Aber wir können ja jetzt nicht erstarrt die Hände in den Schoß legen und abwarten, oder?“, so Rettig.

Nein, das wäre seine Sache ohnehin nicht. Und weil die Fananleihe und ihre Rückzahlung natürlich nicht isoliert von anderen wirtschaftlichen Themen zu betrachten sind - wie Lizenzierungsverfahren und Eigen-vermarktung -, muss der ehemalige DFL-Geschäftsführer im Gespräch etwas ausholen. Und hält dafür, wie man ihn kennt, zu jedem Thema schon ein paar passende Seiten auf dem geliebten Flipchart bereit. Vorbereitung ist fast alles. Rettig: „Wir werden im Mai alle Zeichnerinnen und Zeichner der Schmuckurkunden zu einer Veranstaltung Anfang Juli einladen und das Thema offen kommunizieren.“ 5 000 Anleihen zwischen 100 und 1910 Euro wurden als Schmuckurkunden, die vermutlich in vielen Stuben hübsch gerahmt an den Wänden hängen, ausgegeben, was etwa 55 Prozent des Gesamtvolumens ausmacht. Die übrigen 45 Prozent sind reine Depotanleger. „Wir werden bei der Veranstaltung natürlich die Möglichkeit geben, die Anleihe zurückzugeben. Darüber hinaus wollen wir aber über weitere Pläne und Projekte informieren, bei denen es die Möglichkeit geben wird, den Verein mit dem Geld aus der Anleihe zu unterstützen“, so der gelernte Industriekaufmann.

Acht Millionen Euro sind für den FC kein Pappenstiel und müssen vor allem in voller Höhe in liquiden Mitteln während der gesamten 24-monatigen Einlösepflicht für die DFL dargestellt werden. Rettig: „Die DFL interessiert es im Lizenzierungsverfahren nicht, wie viele Liebhaber ihre Schmuckurkunden gar nicht wieder hergeben möchten.“ Weil unser FC es sich auf die Fahnen geschrieben hat, so selbstständig wie nur möglich in diesem Fußballbusiness zu sein, benötigte der Club frisches Geld.

Denn ab der Saison 2019/20 will der Kiezclub sich ja bekanntlich weitestgehend selbst vermarkten, muss in der kommenden Saison eine eigene Vermarktungsabteilung aufbauen, läuft der Vertrag mit U!sports doch zum 30. Juni 2019 aus. Das kostet natürlich erst einmal doppelt. Kein neuer Vertrag mit einem großen Vermarkter bedeutet zudem auch keine Signing-Fee (Vorabzahlung des Vermarkters) in Millionenhöhe. „Das war eine wichtige Entscheidung vor der Mitgliederversammlung. Der St. Pauli-Weg“, sagt Rettig nicht ohne Stolz, „ist außergewöhnlich .“ Und wird von allen Gremien unterstützt.

Etwas Besonderes ist auch die absolut lautlose Umsetzung der Finanzierung dieser Planung. „Eine neue Fananleihe kam für uns aktuell nicht in Frage. Aber für unsere Entscheidung für die Eigenvermarktung brauchten wir zusätzliche liquide Mittel“, so der FC Geschäftsführer. „Aber dieser Verein hat ein so außergewöhnliches Umfeld und erfährt eine großartige Unterstützung“, schwärmt Rettig, der in kürzester Zeit bei einigen zahlungskräftigen Sympathisanten finanzielle Unterstützung erhielt.

Und so können, was die wirtschaftlichen Eckdaten beim FC betrifft, alle zufrieden sein: die DFL, die Anleger, der Verein selbst. Rettig: „Uns geht's wirtschaftlich gut. Wir werden zum Abschluss des Geschäftsjahres auch wieder positive Zahlen vermelden können.“ Jetzt muss nur noch der sportliche Turnaround her, denn der größte Feind jeder positiven finanziellen Entwicklung im Profifußball ist... sprechen wir am besten gar nicht drüber.

//tati/hog
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