Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Ultrà Sankt Pauli vs. "die normale Gegengeradenbesucherin"

„Sie sind Teil einer großen Fanszene. Manchmal ist sie solidarisch“

Denn es ist mehr als Fußball...

Das Märchen von denen, die auszogen, den Bunker zu begrünen

Neues von den Alten



Ultrà Sankt Pauli
vs.
"die normale Gegengeradenbesucherin"

Ich stehe in Block E der Gegengerade. Da, wo nach Volksmund nix los ist. Ab und zu gelingt es uns, einen Gesang anzustimmen, der von der Umgebung aufgenommen wird, denn ein paar von uns sind recht stimmgewaltig. Ich fahre regelmäßig, aber nicht häufig auswärts. Ca. viermal pro Saison. Den Sonderzug fahre ich gern mit – in der Chill Out Zone. Ja, ich bin die normale Gegengeradenbesucherin und das nicht erst seit gestern. Um mich herum sieht es ähnlich aus. Wir sind die Astrakörper, neben uns stehen die Flachmänner, oben und unten Queerpass St. Pauli. Dazwischen aber auch jüngere Fans, mit denen wir viel Spaß haben und manchmal auch streng sind – wenn §6(2)a der Stadionordnung strapaziert wird. Mein Fanclub hat ähnlich viele weibliche wie männliche Mitglieder. Nach dem Spiel gehen einige von uns gerne in die Weinbar, im Sommer auch ins Knust.

Einigewerden jetzt denken: "Ja und, ist doch bei mir ähnlich!". Genau, darauf will ich hinaus. Tatsächlich sind große Bereiche der Gegengerade öfter auch mal ruhig im Stadion oder man plaudert über das Konzert vorgestern Abend. Und daher weiß ich es sehr zu schätzen, dass "die Süd" immer am Start ist, laut und meist geschlossen supportet. Ich bestreite auch in keiner Weise, dass Ultrà Sankt Pauli ein sehr wichtiger Teil der FCSP-Fanszene ist. Was ich aber eher nicht tun würde, ist, mich blind mit ihnen zu solidarisieren. Und damit zu meinen Erlebnissen in Bielefeld.

Es ist allseits bekannt, dass gut 300 FCSP-Anhänger*innen von der Polizei am Bielefelder Hauptbahnhof eingekesselt und nicht zum Stadion gelassen wurden. Ich war mit dem Female Bus gefahren und stand mit einer Freundin recht weit oben im Stehblock. Unten gähnende Leere, alle warteten auf USP. Das Spiel begann, langsam begannen sich alle zu wundern, dass die Ultras nicht kamen. Vereinzelt brandete Support auf, der zunehmend stärker wurde. In der 7. Minute erwischte es uns eiskalt und wir lagen 0:1 zurück. Wir rappelten uns auf und supporteten, so gut wir konnten. Dann kam eine Gruppe ins Stadion und stimmte "ganz Hamburg hasst die Polizei" an. Wir hatten keine Ahnung worum es ging, das Netz mal wieder überlastet. Also erstmal abwarten. Jemand stieg die Treppe hoch und verlangte, wir sollten aus Solidarität mit denen da draußen den Support einstellen bzw. das Stadion verlassen. Einige folgten, andere blieben wie ich stehen. Der Druck wurde stärker, man redete auf uns ein. Eine gespenstische Situation: Kein Support, die Leute verlassen die Stehplätze, auf dem Platz geht überhaupt nichts zusammen. Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt.

In der Pause klärte sich dann, was geschehen war. Zur zweiten Halbzeitgingen alle wieder in den Stehblock, der Rest ist Geschichte. Aber mir wurde dadurch eines klar: Ich bin nicht bereit, mich bedingungslos mit USP zu solidarisieren. Denn ich bin die "normale Gegengeraden-besucherin", von der USP ganz klar sagen, dass es ihnen egal ist, ob das, was sie tun, meine Zustimmung findet. So verstehe ich jedenfalls die Aussagen von Christian in der Millernton-Folge "Mythos Ultras". Und so hat es auch Stephan erlebt, der uns den Brief auf Seite 10 schrieb. Er war beim Derby auf den Sitzplätzen, von wo die Ultras Pyro zünden wollten, und wurde weggeschickt mit Kommentaren wie "Beschwer dich beim Fanladen". Es ist diese Selbstgerechtigkeit, die ich ziemlich unerträglich finde. Das gilt sicher nicht für alle, ist aber der Eindruck, der sich festsetzt. Jetzt höre ich schon Stimmen, die sagen: Warum kommst du nicht zum USP-Treffen und sagst das direkt? – Mache ich gerne bei Gelegenheit, wenn mir signalisiert wird, dass das gewünscht ist. Vielleicht kommt Stephan ja mit. Das Büffet – äh, nein, der Dialog – ist hiermit eröffnet.

//kurzpass
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