Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Ultrà Sankt Pauli vs. "die normale Gegengeradenbesucherin"

„Sie sind Teil einer großen Fanszene. Manchmal ist sie solidarisch“

Denn es ist mehr als Fußball...

Das Märchen von denen, die auszogen, den Bunker zu begrünen

Neues von den Alten



Ein Viertel in Bewegung

Das Märchen von denen, die auszogen, den Bunker zu begrünen

Ich weiß noch, wie ich 2015 zum ersten Mal dieses Bild vom Bunker mit dem grünen Berg darauf sah. In der "taz nord" war es, die das Projekt von Beginn an kritisch begleitete. In mir löste das Modell genau das aus, was die Planer beabsichtigten: Irgendwie gefiel mir die Idee. Stadtgarten außen, Veranstaltungsräume innen. Win-win für alle – oder etwa nicht? Den Widerstand aus dem Viertel, von dem die "taz" berichtete, konnte ich zunächst nicht verstehen, war den Planern voll auf den Leim gegangen. So ging es später Oke und dem FC St. Pauli wohl auch, denn sie ließen sich vor den Karren des Projekts spannen, als das Nutzungskonzept von der Kulturhalle zur Sporthalle umschwenkte und diese unserem FCSP für den Breitensport angeboten wurde.

Zwei Anwohnerinitiativen

Doch hatten die Initiatoren eben die Rechnung ohne die "taz hamburg" gemacht –und ohne die Stadtteilinitiative "Feldbunker / Bunker von unten", der es damals etwas zu schnell ging mit dem Vorzeigeprojekt. In der übrigen Öffentlichkeit kam die grüne Tarnkappe für Investoreninteressen allerdings überwiegend gut an und fand früh die Unterstützung auf politischer Ebene.

Tarnkappe für Investoreninteressen? – Es war doch die Anwohnerinitiative "Hilldegarden", von der das Projekt ausging. So jedenfalls die Legende, die die Medien damals gegenseitig voneinander abschrieben: "Alles begann mit der fixen Idee einiger Anwohner. Nachdem der Eigentümer überzeugt wurde, soll jetzt in zentraler Lage von St. Pauli in Hamburg auf dem großen grauen Klotz in der Feldstraße ein grüner Bürgergarten für Jedermann entstehen.", schrieb Laura Klöser zum Beispiel am 16.09-2015 in ihrem Blogbeitrag für die Zeitschrift "Garten+Landschaft". Ähnliche Redewendungen las man überall.

Dahinter steckte eine alte Bekannte unseres FCSP, die Agentur Interpol/Nordpol, die zu Zeiten der alten Gegengerade ihre "Bretterbude" in der Ecke zwischen GG und Nordkurve pflegte. Von der stammte nämlich letztendlich die Idee des "Grünen Bunkers", mit der sie allerdings den Investor nicht lange überzeugen mussten. Vielmehr war dieser sehr interessiert an den Plänen, die ihm im Zuge seiner Großinvestition eine Verlängerung seines Erbpachtvertrages bis voraussichtlich 2116 brachten. Und das ohne zusätzliche Pachtzahlungen für die Aufstockung, denn er investiert ja in den Stadtgarten. Interpol-Geschäftsführer Müller-Using saß übrigens damals im Vorstand der Hilldegarden e. V. – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Luxushotel und Eventhalle

Soweit also das Märchen, in dem es am Ende vor allem um eine lukrative Investition geht, die unter dem grünen Tarnmäntelchen der hängenden Gärten alle Hürden nimmt und nun bald in die Realisierungsphase übergeht. Daran hat auch der Streit von Interpol/Metapol/Nordpol mit Investor Thomas J. C. Matzen nichts geändert, der mit ein paar Milliönchen beigelegt wurde. Ein Teil des Tarnmantels rutschte übrigens im Mai diesen Jahres vom Beton, als klar wurde, dass die Luxushotel-Betreiberin DSR Hotel Holding das Hotel im Bunkeraufbau übernehmen würde –bis dahin war immer bescheiden von einem "Gästehaus" die Rede gewesen. Mit dem FC St. Pauli kann sich das Projekt nun auch nicht mehr schmücken. Zu hoch die Kosten, zu umstritten im Stadtteil, da zog die Vereinsführung ihre Zusage zur Nutzung der Sporthalle zurück. Darauf angesprochen, weshalb im Antrag an die Bürgerschaft zur Verlängerung des Erbbaurechts der FCSP noch als Nutzer der Halle genannt war, erklärte Oke: "Wir wundern uns darüber, wie wir da Eingang gefunden haben, denn wir haben bereits vor einem Jahr (2016) allen Beteiligten die Absage unseres Engagements erklärt."

Baugenehmigung mit allen Mitteln

Aber egal, Goliath Matzen macht weiter, hat die Baugenehmigung in trockenen Tüchern. Fast. Denn nun kommt David ins Spiel. Davidist Mario Bloem, Stadtplaner mit jahrzehntelanger Erfahrung. Er gehörte schon 2015 zu den Gegnern des Projektes. Im Gegensatz zu mir sah er damals sofort durch die Tarnkappe hindurch: "Als ich die Grafik vom Grünen Hügel das erste Mal sah, dachte ich, dasist ein Witz." Doch schnell wurde ihm klar, dass er sich getäuscht hatte. Agentur und Investor wollten den Neubau so schnell wie möglich durchziehen.

Dabei war ihnen jedes Mittel recht. Stadtplaner Bloem erkannte bald, dass bei der Baugenehmigung nicht alles mit rechten Dingen zuging: Die Fläche, auf der der Bunker steht, ist laut ursprünglichem Baustufenplan kein Baugrundstück. Einen ordentlichen Bebauungsplan gibt es nicht. Die Baugenehmigung nach §34 BauGB wurde erteilt, obwohl nicht die Rede davon seinkann, dass der Aufbau sich "nach Art und Maß ... in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt", wie es Satz (1) des betreffenden Paragrafen verlangt. Baudezernent Bodo Hafke zog als Referenz einfach mal das Telekom-Gebäude, das Millerntor und die Rindermarkthalle heran, nicht aber die Wohngebäude an der Feldstraße.

Im Vorwege der Genehmigung traten weitere Unsauberkeiten auf: Das Lärmgutachten geht von einem Ausgang Richtung Süden aus, den es nicht gibt. Das Verkehrsgutachten ergibt einen Stellplatzbedarf von zusätzlichen 378 Plätzen, doch wie von Zauberhand liegt eine Genehmigung vor, keine Stellplätze auf dem Bunkergrundstück nachweisen zu müssen, nicht einmal Plätze für Menschen mit besonderem Bedarf. Last but not leastder Denkmalschutz: Die Notrampe, über die das Gebäude entfluchtet wird, muss für die Kapazität der Halle ausgelegt sein und windet sich dementsprechend massiv um den Bunker (Nebenbei müssen dafür auch viele Bäume weichen). Der Charakter des Denkmals wird dadurch nicht unerheblich verändert. Trotzdem waren wieder Hexer am Werk und so gab es auch von Seiten des Denkmalschutzamtes die Genehmigung. Vermutlich zieht jemand im Hintergrund die eine oder andere Strippe.

Klage gegen die Stadt

Eine Baugenehmigung, gegen die niemand Einspruch erhebt, wird nach einem Jahr endgültig wirksam. Um dies zu verhindern, reichte nun Mario Bloem imApril 2018 Klage gegen die Stadt Hamburg (auch Goliath!) ein. Er hat eine Wohnung in der Marktstraße und ist daher als Betroffenerberechtigt, zu klagen. Die Grundlagen sind klar und wurden weiter oben benannt. Seitdem ist es ziemlich still geworden um den Bunker. Investor Matzenwird wohl nicht loslegen, solange die Baugenehmigung nicht endgültig in trockenen Tüchern ist. Die Stadt ihrerseits scheint ganz schön in Erklärungsnot: Sie hat laut Bloem schon dreimal eine Verlängerung für ihre Stellungnahme zu seinen Einwänden beantragt. Der Kampf von David gegen Goliath geht weiter und hat eine gewisse Erfolgsaussicht. Wir bleiben am Ball ...

//kurzpass
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