Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Selbstkritisches zur #134 – der 'Ultra-Ausgabe'

Informieren, Austauschen und Diskutieren

FC Lampedusa – 5 Years FCLSP

Neues von den Alten



FC Lampedusa – 5 Years FCLSP

FC Lampedusa,
Happy birthday to me,
happy birthday to meeeeee,
happy birthday, happy birthday,
happy birthday to meeeeeeee!

5 Jahre! Oops! Alle zu bescheiden, niemand will das abfeiern. Da sitz ich nun: die alte Lampe Dusa. :-)
So gar nichts zu sagen, wo ich jetzt doch schon 5 (FÜNF!) Jahre alt bin, finde ich auch irgendwie doof. Wenn man nicht alles selbst macht!

Coaching Crew Meeting am 5. Februar 2019. Chinese New Year. Viel war los 2018, privat bei jeder einzelnen Coaching Crew Lady. Aber auch im Team hatte fast jeder Umbrüche durchlebt. Viele wurden volljährig, ein neues Leben begann, arbeiten, Schule, Ausbildung oder alles gleichzeitig. Dass es eigentlich verboten ist, eine Ausbildung zu machen, gleichzeitig zu arbeiten und die Schulbank zu drücken, interessiert nur große Unternehmen, die einen Betriebsrat haben. Genau die Unternehmen, die erst gar nicht geflüchteten Menschen einen Zugang zu einem Ausbildungsplatz bieten. 60 bis 80 Stunden-Wochen wurden gerockt. Ankommen, sich einbringen, so called ‚Integration‘. Willkommen in Deutschland!

Keine Zeit für einen gemütlichen Jahresausklang, Silvestersausen oder Neujahrstreffen.

Ein Nikolaus-Saisonabschiedsfreundschaftsspiel gegen SC Hansa von 1911 e.V. im Dezember schloss unser Jahr 2018 ab und unsere Coaching Crew feiert dieses Jahr lieber Chinese New Year.

2019, neues Jahr, neues Glück, neue Herausforderungen. 2019, im chinesischen Horoskop das Jahr des Schweins.

Glücksschwein oder ‚haram‘? Sie waren schon immer speziell unsere Ladies.

Das Bio-Apfel-Schweinchen schmort sich in der Pfanne, sie feiern unser drittes Coaching Crew Baby Luzie und wundern sich, wie schnell doch fünf Jahre vergangen sind.

5 Jahre! Ca. 200 geflüchtete und migrierte Menschen haben wir kommen und gehen sehen. Wir haben viel geweint und viel gelacht. Und immer waren sie da, diese Frauen, auch wenn es noch so schwierig war. Lange wusste ich nicht, dass sie das in ihrer Freizeit machen. Während ihre Freundinnen irgendwo „das Leben genießen“, sitzen sie zusammen, schmieden neue Pläne, überlegen sich die nächsten Schritte. Dabei haben sie, oder zumindest immer eine, ein offenes Ohr für mich. Egal, ob als Team, als Projekt oder für meine persönlichen Bedürfnisse oder Befindlichkeiten. Manchmal waren sie auch einfach nur der ‚donkey‘ oder die Wäschewäscherin.

Keine Ahnung, was diese Ladies antreibt. Sie haben den ‚boys‘ und ‚Burschen‘ viel beigebracht, manchmal waren sie Trainerinnen, manchmal Mami oder Papi oder auch ‚Frau Sowieso‘. Fußball ist ihr Hobby und das der Spieler. Fußball kennt für sie keinerlei Grenzen, auch sprachlich nicht. ‚We speak football‘. Eine ganz eigene Sprache haben wir entwickelt in den letzten fünf Jahren. Wir ziehen uns in Zimmer 3 um, alle anderen Turnierteilnehmenden sitzen in ihren Kabinen. Wir sind alle Alabana! Und wir haben Grenzen getestet. Ein großes Highlight war, 2015 das Land zu verlassen und in die Schweiz zu fahren. Was haben wir geschwitzt an der Grenze! Und als wir es alle geschafft hatten, ‚einzureisen‘, gab es kein Halten mehr. Sicherlich einer unserer ersten Höhepunkte! Ein Jahr später dachten wir, wir testen das Ganze mal auf dem Luftweg. Cool. Fuhlsbüttel, eine Stunde später holen uns meine Freund*innen vom Flughafen Zürich ab. Niemand kann glauben, dass wir tatsächlich da sind. Wir selbst am wenigsten.

2016 wird uns unser trashiger, aber umso mehr geliebter Fußballplatz genommen. Das ‚Projekt‘ steht kurz vor dem Aus. Ich, der FC Lampedusa Hamburg, erinnere mich noch ganz genau, wie verzweifelt die Coaching Crew im Backboard sitzt und genau weiß, sie brauchen JETZT eine zündende Idee. Diverse Bierchen später realisieren sie in ihrer St. Pauli Hood, dass es nur eine einzige Möglichkeit gibt: wir lassen uns adoptieren, wir geben uns zur Adoption frei. Wir kennen auch unsere Wunscheltern schon: Papa Sankt und Mama Pauli, den FC bringen wir selbst mit. Die ersten Gespräche mit dem FC St. Pauli finden statt, und ich habe von Anfang an ein sehr gutes Gefühl. Oke nimmt mich in den Arm. Er strahlt Wärme aus und ich fühle mich sofort wohl, zuhause und aufgehoben, da am Millerntor. Da wo alles anfing, wo mich die Ultras als ich noch im ‚Kirchen-Asyl‘ war, Tag und Nacht beschützten, da wo meine Coaching Crew herkommt. Die Ladies, die vor Jahrzehnten Fußball für alle, gefälligst auch für Frauen durchsetzten und hartnäckig und ‚penetrant‘ immer am Ball blieben. Fußballsachverstand! Sie haben bei uns von Anfang an zu verstehen gegeben, dass eigentlich nur Frauen Fußball spielen können. Messi hin, Ronaldo her. Die 7 und die 10 haben sie aus dem Trikotsatz verbannt. Bewusst! Fußball braucht keine Stars. Gewinnen tun wir nur gemeinsam und Mann kann auch mal ganz gockelbefreit den Ball abgeben. Easy!

September 2016, ein paar Monate später in Barcelona – ja, wir haben einen Preis gewonnen – sehen wir es mit eigenen Augen beim Training des FC Barcelona, warum diese Frauen in der Champions League spielen. Großartig. Niemand vermisst das Männerteam.

We made it.

Wer hätte das gedacht? Wir schaffen es tatsächlich mit 11 Spielern und drei Ladies aus der Coaching Crew nach Barcelona zu fliegen, zum City to City Award des FAD. Ada Colau, die Bürgermeisterin von Barcelona überreicht uns den Preis. Der FC Barcelona bucht unsere Flugtickets.

FC Lampedusa goes Champions League

Wir genießen jeden Moment in vollen Zügen und lieben es, dass die ganze Stadt gelb-rot geflaggt ist, wie unseren gelb-rot-gestreiften Trikots. :-)

Wäre da nur nicht das Drama kurz vor der Preisverleihung, als wir erfahren, dass einer unserer Spieler auf der Ausländerbehörde direkt in Handschellen als Nummer 5 im nagelneuen Hamburger Flughafen-Abschiebeknast zwangseingecheckt wurde. Das war der Abend, an dem ich die Coaches das erste Mal in aller Öffentlichkeit weinen sah. Wie sie da standen, in ihren Abendkleidern und das Make-up den Tränen wich. Da dachte ich, besser kann man uns, den FC Lampedusa St. Pauli eigentlich nicht auf den Punkt bringen. Gerade noch voller Freude, völlig zu Recht einen Preis für großartige Arbeit zu gewinnen und gleichzeitig einen Spieler zu verlieren.

Wir hatten das halbe Jahr davor schon genug Kummer. Ständig mussten wir uns von Spielern verabschieden, von Freunden, Geschwistern. Manchmal wurden sie einfach mitten in der Nacht abgeholt, ohne dass wir ‚Tschüss‘ sagen konnten. Tapfer standen sie dann immer da, unsere Coaches und teilten uns mit, was passiert war. Sie wollten uns allen ein bisschen die Angst nehmen, davor, wer wohl die nächsten sein könnten. Ich habe mich oft gefragt, woher sie eigentlich die Energie nehmen. Wenn wir dann auf Turnieren unsere befreundeten Teams treffen und abends mit deren Coaches rumhängen, wirken sie sehr entspannt und man sieht, dass ihnen das anscheinend auch Kraft gibt. Kraft, nicht alleine zu kämpfen, Freund*innen zu haben, Freund*innen mit roten Sternen oder auch ohne. Und wenn sie mit uns allen im Fanladen sind, der uns auch so krass unterstützt hat in all den Jahren. Da merkt man, dass ihr Zuhause nicht an einen Ort gebunden ist, sondern an Menschen. Und da haben wir ganz viele um uns herum, die uns unterstützen, die wir schätzen und mit denen wir gemeinsam lachen und versuchen die Welt jeden Tag, ein büschen besser zu machen. Sei es bei Bauarbeiten in unserem Museum, wo wir auch gerne öfter mal den Brandalarm auslösen oder auch mal auf Rauten-Decken in Flensburg schlafen und morgens Kaffee aus HSV-Bechern trinken, mit Freund*innen, die erst politisch denken, bevor sie Fan von irgendeinem Club sind.

Dieses Jahr haben wir uns aber schön mit unseren Totenkopfdecken in Tonis Haus in Flensburg zugedeckt. Einem Geschenk des Fanshops.

Es ist kein Zufall, dass wir, der FC Lampedusa St. Pauli vor dem Derby Geburtstag haben. Ich glaube, das bringt Glück und ich glaube auch, dass wir dieses Jahr ein Schweineglück haben werden. In jeglicher Hinsicht.

Aber Grenzen müssen wir schon selber wegkicken, das wird uns niemand abnehmen. Leider.

Danke allen, die uns unterstützt haben und immer bei uns sind. Danke Fanladen, danke FCSP, danke allen Freund*innen mit dem Herz an der richtigen Stelle.

We fucking love you! Deine alte Lampe Dusa!

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