Aus dieser Ausgabe:

Vorwort

Der Saisonverlauf – Ein Rückblick

Rasen betreten verboten

Beauftragte für Fans mit Behinderung beim FC St. Pauli – was war, was ist, was wird.

„Ich habe mir meine Auslösung verdient“, ein Interview mit Thees

Fanclub Scarecrows Sankt Pauli - aus einer Katerlaune heraus entstanden



RASEN BETRETEN VERBOTEN

Was ihr schon immer über den Rasen wissen wolltet und euch nie getraut habt zu fragen, jetzt im Interview mit Ulrike Niemann, der Rasenexpertin des FC St.Pauli

Übersteiger: Hallo Ulrike! Wie wird man Sportrasenexpertin?
Ulrike Niemann: Ich bin Diplom-Gartenbauingenieurin und meine Firma behandelt neben Themen rund um das Grün speziell auch Rasen. Ich bin jetzt seit 27 Jahren in dieser Branche tätig, da wird man mit der Zeit Expertin.
Ich begleite den FC St. Pauli seit 2017, der auch unsere Produkte nutzt, weil wir Spezial-Düngemittel vertreiben, die sehr modern und innovativ für Rasensportplätze sind. Unser aller Ziel ist: Wir wollen eine gesunde Pflanze, sie muss leistungsfähig und funktional für den Platz sein. Das ist eine ganz schöne Kunst und ohne die Greenkeeper und Dienstleister vor Ort wäre das gar nicht möglich.

ÜS: Kümmerst du dich nur um den Rasen des FC St. Pauli oder bist du hamburg- oder gar deutschlandweit tätig?
UN: Ich bin in Hamburg, Berlin, Rostock und Schleswig-Holstein tätig und die gesamte Firma betreut Sport- und Fußballplätze in ganz Deutschland und auch international.

ÜS: Du musst ja rauslesen können, wie es dem Rasen geht und was er braucht. Wie machst du das?
UN: Man muss sich das so vorstellen wie beim Arzt. Es gibt einen Grundcheck, wie z.B. auf Herzfrequenz und Blutdruck gemessen zu werden und so mache ich es beim Rasen. Ganz technisch, indem ich den Boden nach den Nährstoffinhalten, Spurennährstoffen und dem Salzgehalt untersuchen lasse. Zusätzlich gucke ich in die Bodenstruktur wie z.B. die Körnungslinien in der Rasentragschicht und wie hoch die organische Substanz im Boden ist. Außerdem kann das Gras selber durch Blattanalysen untersucht werden. Das sind einige technische Parameter. Wichtig vor allem: wie verteilt sich der Druck, wie ist der Sauerstoffgehalt im Boden. Das alles führe ich zusammen. Wie beim Arzt, wenn er mich anschaut und sagt 'Sie haben aber ein bisschen gelbe Augen, sind Sie immer so müde? Ihr Gesicht ist so fahl.', vergleicht er das mit meinen technischen Daten, so mache ich das beim Rasen.
Und der sieht jetzt optisch gut aus, wir sehen, dass er schön gelöchert wurde, damit Sauerstoff in den Boden eindringen kann, aber umgekehrt die verbrauchte Luft auch austreten kann. Es findet ein Gasaustausch statt, der bewirkt, dass die Pflanzen überhaupt wachsen können. Nur so findet Wurzelbildung statt. Die Pflanze ist dann erst in der Lage Nährstoffe aufzunehmen. Das kann ich mit Hilfe eine Bodenprofilspatens, der einen kleinen horizontalen Querschnitt entnimmt im Profil sehen. Er zeigt an, ob die Wurzeln in Ordnung sind, die Körnung passt und neue Wurzeln gebildet werden. Ein schlechtes Wurzelbild wäre, wenn nur anderthalb Zentimeter Wurzelmasse vorhanden ist und sehr viel Filz zu sehen ist. Das sind abgestorbene Wurzeln, die bräunlich sind und zu einer geringen Scherfestigkeit der Narbe führen.

ÜS: Hast du schon mal eine solche Situation gehabt, wo solche Veränderungen sichtbar wurden und wie hast du dann reagiert?
UN: Na klar. Jetzt haben wir z. B. ganz viel Regen gehabt und wenn es sehr stark regnet, dann wird es matschig. Dann muss mehr gesandet werden, es muss mehr gelüftet werden und wenn das nicht getan wird, hätte er diese grüne Farbe nicht. Und es muss eingegriffen werden, bevor genau das passiert.

ÜS: Das heißt, du musst auch immer den Wetterbericht im Auge haben.
UN: Genau. Und die Mitarbeiter, die hier sind, die gucken sich das vor Ort an. Die können ja auch Rasen lesen. Und wenn man sich mal einen ganz normalen Sportplatz und Trainingsplatz anschaut, der sehr stark genutzt aber nicht so intensiv gepflegt werden kann wie hier, dann sieht man, dass die Mittellinie von Tor zu Tor viel heller ist als im Außenbereich. Das bedeutet, dass da nicht genug Sauerstoff in den Rasen kommt, er nicht ausreichend gelöchert wird, nicht aerifiziert, nicht genügend Sand bekommt, und weil das fehlt, wird er immer gelber und kann nicht mehr gut wachsen.
Als Folge der Bodenverdichtung entsteht ein Nährstoffmangel. Den Sauerstoffmangel kann ich überprüfen, indem ich mit dem Spaten reingehe und wenn ich dann den Spaten kaum reinkriege, dann ist das schon schlecht. Ein Penetrometer misst die Bodendichte und anhand der Daten ist ersichtlich, wie hoch die Verdichtung in der Rasentragschicht ist. Sie darf nicht zu verdichtet sein, aber muss wiederum so stabil sein, dass der Ball gut rollen kann. Das ist die Gratwanderung und darum darf man eine Rasenfläche nicht mit einen Gartenboden vergleichen, denn im Gartenboden geht es um Bodenfruchtbarkeit, er soll locker sein, da will man reinfassen können und hier muss er so viel Bodenfruchtbarkeit haben, dass der Rasen gut wächst aber trotzdem die Rasentragschicht eine gute Stabilität besitzt. Das ist die Funktionalität, die der Sport einfordert.

ÜS: Nach dem letzten Spiel gegen den KSC war ja der Rasen komplett aufgerissen. Wie wird das denn wieder repariert?
UN: Erst einmal laufen in der Halbzeit und direkt nach dem Spiel Leute mit Forken über den Platz und stopfen die Löcher mit den rausgerissenen Grasflächen wieder zu. Das ist im Prinzip die Handarbeit, die man sofort machen sollte. Die Wurzeln wachsen dann wieder an. Wenn eine sehr nasse Periode ist, haben die Flächen einen größeren Spielschaden als bei einer trockenen Periode. Es sei denn, die Hitze und Trockenperioden sind sehr lang, dann stresst das die Gräser ebenso wie uns. Und du weißt, wir leben in Hamburg, also ist das oft nicht optimal.

ÜS: Nun gibt es ja die Schilder 'Rasen betreten verboten' an den Eckfahnen und da wird vom Verein auch wahnsinnig viel Wert drauf gelegt. Ich habe immer gedacht, das ist so, damit bloß die Halme nicht umknicken und fand das etwas übertrieben. Aber es gibt ja noch mehr Gründe, warum es unerwünscht ist, dass Hans und Franz da drüber spazieren.
UN: Wenn alle Gäste hier rüber laufen würden, wäre das ganz schlimm, weil niemand weiß, wo sie vorher langgelaufen sind, was sie unter ihren Füßen alles an Bakterien, Pilzen, Fremdkörpern mit sich schleppen. Sie können im Prinzip Krankheiten einschleppen, wie z.B. Schneeschimmel, Wurzelfäule, Blattflecken. Wir wollen ja hier keinen Pflanzenschutz einsetzen, wir versuchen das alles über die Düngung und Mechanik zu steuern, was auch sehr gut gelingt. Grundsätzlich ist es gut, wenn bestimmte Regeln eingehalten werden, um Schaden zu minimieren. Dazu gehört auch, dass nicht jeder über den Platz läuft.

ÜS: Aber an Spieltagen gehen ja nicht nur die Spieler auf den Platz, sondern Trainerstab, Fernsehleute, Balljungen usw.
UN: Das muss man riskieren, aber stell dir mal vor, das wäre im Alltag so. Man möchte es so gut es geht minimieren. Seine Gesundheit zu optimieren und ihn für Spieltage zu pflegen, dafür ist die Rasenfläche gebaut worden. Dazu gehört auch die richtige 'Ernährung', wie auch bei uns Menschen, damit er widerstandsfähig bleibt.

ÜS: Vor einigen Jahren nach der Sommerpause wuchs ein kleines Gänseblümchen auf dem Rasen, das war niedlich, aber wie kommt sowas?
UN: Das sind Samen, die über den Kot von Vögeln auf dem Rasen landen. In der Regel nehmen die Mitarbeiter das aber mit dem Messer raus, sobald sie das sehen, weil die Gänseblümchen ein extrem hohes Samenpotenzial haben und der Platz sich schnell damit zuziehen würde. Das würde die Funktionalität stark mindern. Der Platz wird rutschig und die Verletzungsgefahr steigt an.
Also wenn man hier nichts machen würde, auch nicht mehr mähen, dann wäre in zehn Jahren ein kleiner Wald drin und die Natur hätte sich alles zurückgeholt. Das geht in so kurzer Zeit, das können wir uns gar nicht vorstellen.
Unser gepflegter Rollrasen hier hält schon das dritte Jahr. Natürlich muss in regelmäßigen Abständen nachgesät werden. Wenn der frisch reingebracht wird, ist viel Wiesenrispe darin enthalten und diese zieht sich im Winterhalbjahr durch geringere Lichtintensitäten zurück. Das ist gerade bei uns im nordischen Bereich der Fall. Nachgesät wird dann mit Weidelgräsern. Der Rasen muss regelmäßig - so alle sechs bis acht Wochen - 'verjüngt' werden. Die Gräser keimen innerhalb von sieben Tagen, also recht schnell und pünktlich zum nächsten Spieltag, sind allerdings noch sehr jung und müssen dann auch wieder Zeit zum Wachsen haben.

ÜS: Und dieser Rollrasen, ist der in allen deutschen Stadien gleich oder sind die alle individuell?
UN: Es gibt eine Rasen-DIN-Norm, danach werden die Rasenflächen auch produziert. Gräserarten und -sorten sind individuell vor Ort selber zusammenzustellen. ÜS: Ist das denn alles Natur? Man hört ja von anderen Vereinen, die Plastikanteile im Rasen haben. UN: Hier ist alles Natur. Aber Plastik sollte man auch nicht grundsätzlich verteufeln. Wenn man eine Kunstfaser im Rasen einnäht, ist das nur ein minimaler Anteil und hat den Vorteil, dass das Gras insgesamt stabiler in der Grasnarbe ist und diese besser zusammenhält. Man kann das außerdem ganz gut recyceln und wiederverwenden. Aber hier liegt reiner Naturrasen.

ÜS: Das heißt, wenn dieser hier ausgewechselt wird, dann kann der einfach so direkt auf den Komposthaufen?
UN: Ja. Ich meine, dass St. Pauli sogar Rasenteile verkauft, die man erwerben kann.

ÜS: Was müsste ich denn beachten, wenn ich Millerntor-Rasen in meinem Garten anlegen möchte?
UN: Das sind ja Fußballgräser, die wollen belastet werden. Also wenn die Leute nur draufgucken wollen, dann geht der ein, dann wird er sich verabschieden. Der will belastet werden, der will betreten werden, der will bespielt werden. Für den gibt es keinen Ruhestand. Wenn man dann noch für die richtige 'Ernährung' sorgt, dann hat man länger was von.

ÜS: Was hat man sich denn unter Rasenernährung vorzustellen?
UN: Ein Rasen braucht eine Vielzahl von Elementen. Wie z.B. Stickstoff, das ist der Motor des Wachstums. Ohne Stickstoff kann eine Pflanze keine Feinwurzeln bilden und ohne die kann sie nicht stabil sein, kein Wasser aufnehmen, nicht funktional sein. Dann braucht der Rasen ein bisschen Phosphor, ebenfalls zur Wurzelbildung und Bestockung. Dann Kalium, wichtig für den Zelldruck. Für die Farbbildung existenziell: Magnesium. Und dann kommen die Spurennährstoffe, die halten den ganzen Stoffwechsel in Gang. Dazu gehören z.B. Zink, Mangan, Molybdän und Kupfer. Wir dürfen im Bereich Funktionsrasen nur mit wenig Organik arbeiten, sonst fördert man im Prinzip die Regenwurmpopulation zu stark. Der Platz würde schwammig werden. Es muss auch viel gesandet werden, um die Rasentragschicht mineralisch zu halten. Darum muss auch das Schnittgut abgefahren werden. Gräser sollen kein Massenwachstum machen, es soll ein schönes kompaktes Wachstum sein, das ist wirklich die Kunst.

ÜS: Allerdings. Hört sich sehr aufwändig an. Wie hoch ist denn hier etwa der Verbrauch, also von Wasser und Strom beispielsweise. Allein schon, dass immer kurz vor Anpfiff noch der Rasen gewässert wird.
UN: Das mit dem Wässern, wofür das gut ist, das musst du mal die Spieler fragen, die wollen das so. Der eigentliche Wasserverbrauch dieser Pflanze orientiert sich an der Witterung und das wird regelmäßig und nach Bedarf geregelt. Das Wässern vor dem Spiel ist überhaupt nicht notwendig und eigentlich auch nicht besonders gut für den Rasen.
Wie hoch der Jahresverbrauch und das Jahresbudget für die Instandhaltung eines Fußballrasens ist, das müsstest du den Verein fragen, das kann ich nicht sagen. Das entscheidet am Ende immer der Vorstand, der Verein, und das ist auch bei jedem anders. Da spielt auch immer mit, in welcher Liga gespielt wird, was für Ansprüche die Vereine haben und wie das Stadion gebaut ist. Zusätzlich gibt es auch Vorgaben, die eingehalten werden müssen. Hier haben sie z. B. das Glück, dass viel Luft und Licht reinkommt. Wenn man zum Nachbarverein schaut ist das anders. Das Stadion ist nach oben geschlossener gebaut und somit mit sehr viel Schatten versehen. Der Rasen muss extra mit Pflanzenlampen beschienen werden. Das ist hier lediglich im Torbereich notwendig. Dieses Stadion ist viel einfacher zu pflegen.

ÜS: Liebe Ulrike, vielen Dank für das informative Gespräch!

// rakete
< nach oben >